Mit Sport aus der Depression (Teil 4)

Mit Sport aus der Depression (Teil 4)

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In meinem letzten Blog habe ich darüber geschrieben, wie ich statt Anerkennung plötzlich Verachtung erntete. Solltest du Teil 3 nicht gelesen haben, rate ich dir dazu jetzt hier zu klicken.

Junkie-Verhalten

Ich war also immer gerne im Mittelpunkt und habe plötzlich nicht mehr die Anerkennung bekommen, die ich mir erhofft hatte. Ich war auf einer neuen Schule und versuchte irgendwie Anschluss zu finden. Anstatt mich einer Gruppe anzuschließen und meinen Lifestyle zu ändern, nahm ich noch mehr Drogen und kämpfte noch mehr um Anerkennung. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich einfach mein Konzept ändern sollen, stattdessen tat ich das, was ich schon immer tat, und zwar im extremen Maße.

Leben in zwei Welten

Von hier an muss ich ein wenig vorspulen. Ich schaffte es, wie auch immer, mein Abitur zu machen und kam am Tag der Zeugnisübergabe voll auf Crystal Meth zur Schule. Ich hatte zwei Tage nicht geschlafen und war vollkommen zerstört. Irgendwie hat mein Körper das damals noch mitgemacht, ich bin trotzdem zwei- oder dreimal fast bewusstlos geworden. Am selben Abend hatte ich meinen Abiball und es war wirklich furchtbar. Ich habe mich dafür geschämt, wie fertig ich war und habe allen vorgespielt, ich würde klarkommen. Meine Eltern waren zwar irgendwie stolz auf mich, dass ich mein Abi geschafft habe, jedoch haben sie definitiv gespürt, dass etwas mit mir nicht stimmt und sie waren auch an dem Abend schnell wieder weg. Genauso war ich es. Ich habe mich möglichst schnell mit Alkohol sediert, um gegen das nervöse Zittern anzukämpfen und bin abends todmüde ins Bett gefallen.

Kokain als bester Freund

Egal ob Speed oder Meth, das Zeug habe ich nach dem Erlebnis nur noch selten angerührt, denn mein Körper und mein Geist waren nach diesen Trips immer vollkommen zerstört. Ich ging zur Bundeswehr und später auch studieren und fing an regelmäßig Kokain zu ziehen. Immer wenn ich heute zurückdenke, dann denke ich nur positiv an das Koks. Das ist furchtbar, denn ich müsste eigentlich wissen, was es mit mir gemacht hat. Das hängt aber wohl auch mit der Sucht zusammen, so sagt es mir zumindest mein Psychiater. Kokain ist am Anfang wirklich cool, vor allem wenn man vorher andere Upper konsumiert hat und dann merkt, dass der Kater bzw. das Down völlig ausbleibt. Das rächt sich allerdings später, denn je öfter du dir das Zeug reinhaust, desto stärker kommt auch hier das Down und zwar mit dem Bedürfnis mehr zu nehmen, um dagegen anzukämpfen. Ein Gefühl der Sättigung gibt es nicht, denn das Zeug macht dich einfach gierig. Du fängst an, alle fünf Minuten daran zu denken und planst deinen Tag so, dass du nur noch daran denkst, wo du dir jetzt die nächste Line reinballern kannst. Dieser Prozess ist schleichend und irgendwann merkst du: Die Droge hat dich in der Hand und kontrolliert deinen Alltag.

Funktionierender Junkie

Das funktioniert auch wirklich lange und geht auch gut. Ich konnte studieren und auch ganz normal am Alltag teilnehmen, solange ich genug Kokain oder Alkohol hatte. Das ist wie bei einem funktionierenden Alkoholiker, der aber irgendwann daran zerbricht, weil die Dosis, die er braucht, höher wird und er dann körperlich nicht mehr in der Lage ist vor die Tür zu gehen. Bei mir war das Ganze eine geistige Angelegenheit, denn ohne die ganzen Drogen hatte ich kein bisschen Selbstbewusstsein, sondern panische Angst vor die Tür zu gehen.

Entzug oder Psychose?

Ich habe zu dem Zeitpunkt in einer WG gewohnt, zusammen mit zwei Freunden, die mir unglaublich bei meinem Lebenswandel geholfen haben. Die Beiden haben mir schon oft gesagt, dass mein Lifestyle mich eines Tages ins Grab bringen würde, aber ich habe das nie ernst genommen. Bis ich vollkommen am Boden zerstört in meinem Bett lag, die Jalousie heruntergelassen war und ich mich nicht mehr traute das Zimmer zu verlassen. Ich versuchte mir durch einen kalten Entzug das Koks und den Alkohol abzugewöhnen. Das war furchtbar. Ich hatte das Gefühl zu sterben. Ich konnte nicht schlafen, nicht essen, nicht vor die Tür gehen und zitterte am ganzen Körper. Das ging tagelang so und das Gefühl wollte nicht mehr weggehen, obwohl der Entzug schon längst hätte vorüber sein sollen.

Ungewissheit und Angst

Wie konnte das sein? Ich habe doch aufgehört. Das letzte Mal war 14 Tage her und es ging mir immer noch so schlecht. Langsam fing ich an über Selbstmord nachzudenken. Was wäre, wenn dieses Gefühl für immer bleibt? Die Angst, das Zittern, dieses Schamgefühl. Es gibt keinen anderen Ausweg mehr außer Drogen oder sterben. Meine Mitbewohnerin hatte einen klaren Kopf und eine gute Idee und wir gingen zur Suchtberatung. Das war alles andere als angenehm und ich habe all meine Kraft gesammelt, um dort überhaupt hinzukommen. Die ersten Gespräche waren hart und es fiel mir sehr schwer, ehrlich zu der Therapeutin zu sein. Noch viel schlimmer war für mich die Erkenntnis, dass ich drei Monate nachweislich clean sein musste, bevor ich überhaupt in einer Therapie angenommen werden konnte. Ich habe keine Ahnung, ob das so der Regelfall ist, aber das hat mir extrem Sorgen gemacht, weil ich dieses Gefühl nicht losgeworden bin.

Die Psychose

Ich bin dann jede Woche zu den Gesprächen bei der DROBS (Drogenberatungsstelle) gegangen. Weil dieses schreckliche Gefühl, was ich oben beschrieben habe, nicht wegging, rieten sie mir mal in die nächste Psychiatrie und in die offene Sprechstunde zu gehen. Das tat ich auch und dort stellte man fest, dass die Symptome nicht durch die Drogen, sondern durch eine Psychose ausgelöst wurden. Kurz und knapp: Ich hatte mir das Gehirn durch die Drogen, den Entzug und durch meine jahrelange Geilheit nach Bestätigung gegrillt. Das war dann auch der Tag, an dem ich das erste Mal Antidepressiva nehmen musste. Wie das ganze ablief und wie ich mich danach gefühlt habe, habe ich schon in Teil 1 beschrieben.

Die drei Möglichkeiten

Da sitzt du nun und hast statt zwei Alternativen auf einmal drei Alternativen.

Möglichkeit 1: Du bringst dich selbst um.

Möglichkeit 2: Du nimmst wieder Drogen.

Möglichkeit 3: Du nimmst die Tabletten.

Ich habe wirklich sehr lange überlegt, welche Möglichkeit ich wähle. Ich habe mich Gott sei Dank für Möglichkeit 3 entschieden. Es ging mir dann noch schlechter als vorher und ich habe die Entscheidung irgendwie bereut. Allerdings habe ich niemals aufgegeben und habe einfach weiter gemacht, Tag für Tag. Ich habe jeden Tag gekämpft und niemals aufgehört an das Ziel zu glauben, ein schönes Leben führen zu können.

Gib niemals auf

Diese innere Unruhe und diese Angst mussten irgendwie raus, egal ob es durch das Laufen am Morgen war oder durch Gewichte stemmen im Fitnessstudio. Einfach zuhause sitzen und warten, dass das Gefühl weggeht, ergibt keinen Sinn. Viele Dinge in diesem Leben lösen sich von selbst. Ich würde sogar sagen, es sind fast 90% aller Probleme. Aber bei den restlichen 10% müssen wir halt nun mal unseren Arsch hochkriegen und selbst aktiv werden. Greif deine Probleme an und halte durch. Wenn es wirklich schwer wird, deinen Arsch hochzukriegen, dann heißt das, du bist fast am Ziel. Je näher wir unserem Ziel kommen, desto stärker wird der Gegenwind.

Stand tall, walk pride.

Dein Marci

Bilder: pexels.com, unsplash.com

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